Blackout-Counter++

„I am her Boyfriend“ ist der letzte Satz, den wir von Dr. Sheldon Cooper hoeren, bevor’s auf dem Fernseher und rundherum finster wird. Draussen tobt ein heftiger Sturm. Der Strom kommt und geht, aber bleibt nicht lang genug um den Raspberry Pi nochmal zu booten. Nach acht abgebrochenen Bootvorgaengen geben wir auf und ziehen den Stecker. Vera zuendet Kerzen an und der Gaskocher wird wieder aus dem Schrank geholt.

Am Morgen danach wird uns klar, was der Sturm angerichtet hat. In der Nachbarschaft sind Strassen gesperrt: Baeume sind auf die Stromleitungsmasten gefallen und die Stromleitungen liegen in den Gaerten herum.

Diesmal wird’s wohl etwas laenger dauern, bis das alles wieder repariert ist. Insgesamt sind ueber 350 000 Leute im Gebiet um Detroit ohne Strom.

25000 haben schon wieder Strom. Aber der Fortschrittsbalken ist noch nicht merklich nach vorne gekommen.

25000 haben schon wieder Strom. Aber der Fortschrittsbalken ist noch nicht merklich nach vorne gekommen.

Wie bei allem Billigen wird’s auch hier richtig teuer. Statt einmal vernuenftige Infrastruktur aufzubauen, flickt man im Dauereinsatz an allen Ecken das provisorisch ueberirdisch verlegte Stromnetz. Was uns frueher abenteuerlich vorkam ist an dieser Stelle einfach nur noch aetzend.

Der zweite Morgen nach dem Sturm. Ich hole bei Starbucks Kaffee und schreibe dieses Update. Aktuell sind 200 000 noch ohne Strom. Die Leute vor mir in der Schlange diskutieren darueber wer einen Generator hat und wer nicht. Ich denke ein bisschen ueber die USA nach: ueber Tesla und das Stromversorgungsproblem. Ueber Industrienationen und Dritte-Welt-Probleme. Ueber staendig in der Arbeit sein und die Probleme zu Hause. Und ueber das Wetter, denn der naechste Regen koennte unseren Keller ueberfluten. Es ist aber fuer drei Tage Sonnenschein gemeldet. Wahrscheinlich ist das das Geheimnis der USA das ich noch nicht verstanden hab.

Es ist Sonntag abend und wir sind 48 Stunden ohne Strom. Das ist fuer uns ein neuer Rekord, aber nicht grade ein Grund zu jubeln. Der Stromanbieter hat eigenen Angaben zu Folge etwa die Haelfte der betroffenen Kunden bereits wieder angeschlossen. Wir nutzen die technikfreie Zeit und spazieren durch Birmingham. Abends entdecken Vera und Melina die faszinierende Welt der Schattenspiele. 🙂

Wer braucht schon Netflix? Melina gefallen die Schattenspiele mit der Maus und der Ente sehr gut.

Wer braucht schon Netflix? Melina gefallen die Schattenspiele mit der Maus und der Ente sehr gut.

Tag 4 nach dem Sturm – jetzt sind wir schon ueber 80 Stunden ohne Strom und ich wieder beim Starbucks. Der Typ am Nebentisch wird von einem Bekannten eingeladen bei ihm zu wohnen bis der Strom wiederkommt. Er ist sich aber sicher, dass heute Abend alles wieder funktioniert. Don’t Stop Believing. Jetzt sind nur noch 60000 ohne Strom. Das entspricht von der Menge einem normalen Stromausfall, aber die verbleibenden Fehlstellen sind wohl eher die Vereinzelten und Verstreuten. Ich bin da nicht so sicher, dass heute abend alles wieder geht.

Am Dienstag Abend, und damit nach 96 Stunden, sind wir wieder ans Stromnetz angeschlossen. Statt in Freudentaumel auszubrechen, kommt das Deutsche „Was-waere-Wenn-Denken“ bei uns durch. Was waere wenn es Melina nicht so einfach waere und sie etwas zugefuettert bekommen muesste? Was waere wenn man aus medizinischen Gruenden alle paar Stunden Strom braeuchte?

Wir fuellen schnell alle Wasserkanister auf, denn fuer morgen hat sich bereits der naechste Sturm angekuendigt. Und waehrend das Wasser laeuft, laesst sich schnell das Erlernte zusammenfassen:

  • Eine LED-Maglite leuchtet mit einem Satz Batterien locker fuenf Naechte komplett durch. Das gilt fuer die 2D- als auch die 3D-Version.
  • Kann sich eine Industrienation so etwas wirklich leisten?
  • Wasser wird total unterschaetzt. Freut Euch ueber Leitungswasser!
  • An ganz vielen Stellen akzeptiert die amerikanische Gesellschaft Dinge, bei denen absehbar ist, dass sie nur mit viel Zutun und Handarbeit funktionieren werden. Diese kleinen Feuer, die immer wieder ausgetreten werden muessen, lenken ganz massiv von der eigentlichen Taetigkeit ab. Dies widerspricht der europaeischen Grundeinstellung: wir stecken gerne mehr Aufwand rein, aber wollen dann eine Zeit lang nichts mehr damit zu tun haben. Beispiele neben dem Verlegen von Stromleitungen: Strassenbau, Bezahlen mit Schecks, Hausbau und -isolierung, etc.
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Über hehnblog

Vera und Thorsten Hehn gehen fuer 18 Monate in die USA. Hier erzaehlen wir von unseren Erlebnissen.
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2 Antworten zu Blackout-Counter++

  1. SvH schreibt:

    Uff… also die Stromversorgung bei Euch scheint ja wirklich ein Abenteuer für sich zu sein…

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